09-10-2019

Blog Post van Tim Gabbett

Können Prinzipien zum Management von Belastungen auch außerhalb des (Spitzen-)Sports angewendet werden?

Von Professor Tim Gabbett und seinem Team bei Gabbett Performance Solutions

Vermutlich kennen auch Sie die unzähligen Anwendungen von optimalem Management von Belastungen im Sport. Die große Mehrheit an Forschung im Bereich Belastungsmanagement konzentriert sich auf den Spitzensport; nur sehr wenige Studien wurden bisher durchgeführt, um diese Prinzipien auch außerhalb dieses Bereichs einzusetzen. Dabei ist ein Kernpunkt wissenschaftlicher Untersuchungen, diese auch außerhalb ihres Ursprungs zu testen. Die wichtigste Frage ist daher, ob die Prinzipien zum optimalen Belastungsmanagement auch im nicht-sportlichen Kontext standhalten können. Dieser Artikel wird zunächst die gegenwärtigen Prinzipien zum Management von Belastungen und deren Anwendungen analysieren und schließlich auch weitere Anwendungsideen vorschlagen.

Wie kann man Belastungen sicher steigern?

Die Menge von kurzzeitiger Trainingsbelastung (ein Training bis zu einer Woche; akute Trainingsbelastung) im Vergleich zu langfristiger Trainingsbelastung (chronischer Trainingsbelastung)bestimmt die “acute:chronic workload ratio” (ACWR). Akute Trainingsbelastung repräsentiert dabei die kurzzeitige Erschöpfung (‘fatigue’), die in einem Training erreicht wird, während chronische Trainingsbelastung analog zu Fitness steht. Liegt die ACWR bei etwa 0,8 bis 1,3 (das heißt, akute und chronische Trainingsbelastung stimmen beinahe überein), so ist das Verletzungsrisiko relativ gering. Liegt die ACWR jedoch über 1,5 (das heißt, die akute Belastung (Erschöpfung) ist deutlich größer als die chronische Belastung (Fitness)), so steigt das Verletzungsrisiko deutlich an. Da diese Spitzen in der Trainingsbelastung, die in einer hohen ACWR resultieren, die Verletzungsgefahr deutlich erhöhen, messen Physiotherapeuten, Athletiktrainer und auch Sportcoaches die ACWR immer genauer. Dabei verwendet die ACWR eigentlich das bekannte Trainingsprinzip der progressiven Mehrbelastung, und erlaubt so Praktizierenden, sowohl mit Athleten als auch mit Patienten, Belastungen sicher zu steigern.

Spitzen in Belastung erhöhen das Verletzungsrisiko

Einige der ersten Veröffentlichungen, die den Zusammenhang von Trainingsbelastung und Verletzung untersuchten, wurden in den Sportarten Cricket, Rugby und Australian Football durchgeführt (sehr populäre Sportarten in Australien). Diese Studien haben alle ähnliche Ergebnisse hervorgebracht – (1) hohe Trainingsbelastungstand im Zusammenhand mit niedrigerem Verletzungsrisiko, aber (2) schnelle Anstiege (Spitzen) in der Trainingsbelastungstanden im Zusammenhang mit höherem Verletzungsrisiko(Figur 1).1Hieraus entwickelte sich dann die Frage, ob sich diese Ergebnisse auch auf andere Sportarten übertragen lassen. Inwiefern stimmen zum Beispiel die Ergebnisse von einem Kontaktsport wie Rugby mit denen von einem komplett anderen Sport wie Baseball überein? Die Saison der Major League Baseball umfasst 162 Spiele; die Pitchers müssen also sehr gut trainiert sein, um die Ansprüche während der Saison gut zu überstehen. In der off-season, also außerhalb der Spielzeit, haben viele Spieler jedoch überhaupt kein Training – also eine gute 3-monatige komplette Sportpause. Beginnt dann wieder die Saison, so ist es nicht untypisch, dass diese Spieler sofort mit dem Trainingsumfang und -intensität beginnen, wie sie es zuletzt in der Saison hatten, was natürlich zu dramatischen Anstiegen in der Belastung führt. Verletzungen kommen mit dieser Art der Saison-‚Vorbereitung‘ deutlich häufiger vor. Besser wäre es natürlich, nach der Sommerpause langsam wieder anzufangen, oder sicherzustellen, dass die Spieler auch in der Pause eine minimale chronische Trainingsbelastung beibehalten. In diesem Kontext sprechen wir dabei übrigens nicht von Verletzungen, die durch übermäßige Belastung hervorgerufen werden, sondern eher von Verletzungen, die durch mangelnde Vorbereitung entstehen.

Figur 1. Das Verhältnis von akuter und chronischer Belastung und dem Verletzungsrisiko bei Sportlern.1

Nicht jeder, der eine Reha besucht, ist ein Sportler, aber vielleicht sollten wir sie alle so behandeln!

Wenn sich die Prinzipien von Belastungsmanagement von Sportart zu Sportart übertragen lassen, dann ist es durchaus glaubwürdig, dass sie auch auf Situationen außerhalb des Sports übertragen werden können. Es gibt eine Vielzahl an Bereichen, in der Belastungsmanagement angewendet werden könnte, um Arbeitnehmer gesund und leistungsfähig zu halten. Belastungsmanagement ist daher sicherlich nicht nur auf den Sport begrenzt. Die Aussage, dass Spitzen in der Belastung das Verletzungsrisiko erhöhen, kann auch auf andere Bereiche übertragen werden. Viele Jobs erfordern ein hohes Level an körperlicher Anstrengung. Nehmen wir als Beispiel einen Arbeiter, der einen Lastwagen be- und entladen muss – jeden Tag hebt dieser Arbeiter große Mengen. Wenn er auf einmal seine Belastung von 2 Lastwagen am Tag beladen auf 4 Lastwagen am Tag beladen steigert, dann verdoppelt das seine Arbeitsbelastung. Auch wenn der Arbeiter länger arbeitet, oder schwerere Gegenstände heben muss, resultiert das in einem Anstieg seiner Belastung. So lässt sich auch sehen, dass nicht alle Belastungen genau gleich entstehen – und auch nicht alle Belastungen dasselbe Verletzungsrisiko haben!

Andere Beispiele lassen sich ebenso einfach vorstellen. Sportler, die hintereinander viele Wettkämpfe bestreiten, haben ein höheres Verletzungsrisiko. Dieses Szenario lässt sich auch auf den Arbeitsplatz übertragen. Krankenpfleger und andere Schichtarbeitende haben häufig dicht aufeinander folgende Schichten, bei denen sie spät abends aus der Arbeit kommen und früh morgens wieder losmüssen. Zusammen mit der Tatsache, dass zu wenig Schlaf die Fähigkeit, Arbeitsbelastung auszuhalten, reduziert², ist es sicherlich verständlich, dass diese Arbeitseinteilung auch dazu führen kann, dass Arbeitnehmer ein erhöhtes Verletzungsrisiko haben.

Auch hier sind diese Verletzungen tiefe Einschnitte für das Individuum, die Firma, und das Team der Mitarbeiter, die sich auf diesen Arbeiter verlassen. Ein letztes Beispiel behandelt einen Job, der deutlich weniger schwere körperliche Arbeit erfordert. Stellen Sie sich einen medizinischen Rezeptionisten vor, der an einem Arbeitstag viel in den Computer eintippen muss. Natürlich ist das weit entfernt von der körperlichen Arbeit, die der Arbeiter, der die Lastwagen belädt, erlebt, aber auch hier gibt es externe Belastungen für Hand, Handgelenk und Finger des Rezeptionisten. Ein Anstieg dieser Belastung, zum Beispiel durch mehr Arbeitsstunden, kann auch hier zu Verletzungen durch Überbelastung führen (odervielleicht sollte man auch diese als ‘Verletzung wegen mangelnder Vorbereitung’ ansehen) – zum Beispiel Karpaltunnelsyndrom – und wird zu einer zeitweiligen Arbeitsunfähigkeit führen. Diese Beispiele sollen nicht etwa die Übertragung von Belastungsmanagement auf Kontexte außerhalb des Sports vollständig darstellen, sie sind viel mehr ein Beispiel dafür, in welchen Bereichen die Prinzipien benutzt werden können. (Table 1).

Tabelle 1. Beispiele darüber, wie optimales Belastungsmanagement auf nicht-sportliche Ereignisse angewendet werden kann.

Activity

Acute Load

Chronic Load

ACWR

Potential Consequences

Lifting/Loading/Unloading Trucks

3 trucks/day

4 trucks/day

0.75

Healthy, productive

4 trucks/day

1 truck/day

4.0

Back pain

Receptionist

40 hr/week

20 hr/week

2.0

Wrist pain

Soldiers Hiking with Load Carriage

18 hr/week

15 hr/week

1.2

Fit, well-prepared

Es ist inzwischen weit bekannt, dass optimales Belastungsmanagement die Leistung von Sportlern verbessern und das Verletzungsrisiko minimieren kann. Die Prinzipien aus dieser Arbeit mit Athleten sind aber nicht exklusiv im Sport anzuwenden. Sie können in jeglichem Kontext mit internen sowie externen Belastungen angewendet werden, im Training, Sport oder im Arbeitsumfeld. Umfassendes Wissen über Belastungsmanagement kann dabei die Leistung von Sportlern (und Arbeitnehmern) verbessen, und beeinflusst die alltägliche Gesundheit von Arbeitnehmern.

Gerne können Sie auch den Originalartikel lesen. Für mehr Informationen über die Arbeit von Gabbett Performance Solutions, kontaktieren Sie bitte info@gabbettperformance.com.au.

Bibliographie

1. Gabbett TJ. The training—injury prevention paradox: should athletes be training smarter and harder? Br J Sports Med2016;50:273-280. Free Access Here.

2. von Rosen P, Frohm A, Kottorp A, et al. Multiple factors explain injury risk in adolescent athletes: Applying a biopsychosocial perspective. Scand J Med Sci Sports2017;27:2059-2069.

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